13:0. Dreizehn! Ja, die US-Amerikanerinnen gingen als haushohe Favoritinnen in das Duell gegen Thailand und haben gezeigt, weshalb. Aber haben wir wirklich mit einem neuen WM-Rekordsieg gerechnet?
Nia Künzer hat das jedenfalls nicht. Die ehemalige Nationalspielerin (und Golden Goal-Schützin im WM-Finale 2003) ist als Expertin für ARD tätig und sagte erst kürzlich, dass sie in diesen Zeiten Kantersiege wie etwa das 8:0 Deutschlands gegen China bei Olympia 2004 nicht mehr erwarte. Zu sehr sei der Frauenfußball in der breite gewachsen, zu eng die WM-Teilnehmerinnen zusammengerückt.
Dass das stimmt, kann man durchaus an den Ergebnissen des ersten Vorrundenspieltages, den die USA und Thailand gestern Abend abschlossen, ablesen:
Deutschland müht sich gegen China, England hatte am Ende gegen Schottland mehr Gegenwehr, als erwartet, die Niederlande und auch Kanada blieben minimalistisch mit knappen 1:0-Siegen, Japan sogar gänzlich torlos gegen Under-Under-Underdog Argentinien.
Doch es gab auch souveräne Auftritte. Frankreich hatte im Eröffnungsspiel keine Mühe mit Südkorea, Brasilien siegte deutlich 3:0, ebenso wie Norwegen. Wieso? Haben diese Team es besser gemacht?
Auch, aber nicht nur.
Diese Ergebnisse waren deutlich, weil die Gegner Südkorea, Nigeria oder Jamaika es den Favoritinnen - hart formuliert - leicht machten. Sie hatten kein taktisches Konzept, um erfolgreich die Stärken der "Großen" einzuschränken.
Italien wusste, dass man möglichst wenig Gegentore kassieren darf, selbst treffen ist gegen Australien immer drin. Argentinien mauerte sich diszipliniert hinten ein und verteidigte sich aufopferungsvoll gegen ideenlose Japanerinnen. China hätten nur noch Knüppel gefehlt.
Aber: Deutschland, Spanien und Co. haben auch selbst keine Glanzleistungen vollbracht. Verteidigung ist immer "einfacher" als Angriff. Daher bedarf es auch hier Lösungen - und zwar neuer. Ballbesitz kann hoch sein, weil man einfach besser ist, ist für sich genommen heute aber kein Erfolgsrezept mehr. Wenn sich die Spanierinnen wie gegen Südafrika den Ball stellenweise wie beim Handball am gegnerischen Sechzehnmeterraum zuschieben, dabei jedoch nicht in der Lage sind, Chancen zu kreieren oder zu schießen, ohne dass der Ball direkt abgeblockt wird, können sie sich auf die 65%, die am Ende in der Statistik stehen, ein Eis backen. Insbesondere gegen gut organisierte Defensivabteilungen hat man das wieder gemerkt.
Denn noch eine andere Qualität zeichnete beispielsweise Frankreich aus: Die Chancenverwertung. Und hierbei geht es gar nicht mal direkt um den Abschluss an sich, sondern vielmehr den berühmten letzten Pass. Und den vorletzten. Hier stimmten viel zu oft Ziel und Timing nicht.
Fußball ist auch deshalb ein so schönes Spiel, weil neben der Mannschaft und der Zusammenarbeit in dieser noch ein anderer Faktor evident ist: individuelle Entscheidungen. Das Team muss (beispielsweise) der ballführenden Spielerin Optionen geben, für welche Pass- oder Schussrichtung sie sich entscheiden kann - die Spielerin muss dann die richtige Entscheidung treffen. Im Idealfall, bevor ihr jemand den Ball wegnimmt. Und dann muss sie diese Entscheidung auch noch korrekt umsetzen. Es spielen viele Faktoren eine Rolle, die man in ihrer Komplexität nicht vor einem Spiel trainieren kann. Diese Faktoren sind in Summe dafür ausschlaggebend, ob eine Mannschaft den Weg bis ins Finale gehen oder nach der Vorrunde die Koffer packen kann - selbst, wenn sie individuell noch so stark besetzt ist.
Ein generelles Problem sehe ich hier allerdings noch nicht. Für alle Teams war es das erste Spiel. Ein wenig wurde noch probiert, ein wenig hat man festgestellt: Okay, so geht es nicht.
Man darf gespannt sein auf die zweite Runde. Darauf, was die Teams gelernt haben, wie sie mit den knappen und auch mit den deutlichen Erfolgen und Misserfolgen umgehen und was sie ändern werden.
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Mittwoch, 12. Juni 2019
Mittwoch, 15. Mai 2019
Der DFB-Kader für die Frauen-WM // Analyse (TOR/ABWEHR)
Gehen wir die Namen mal durch:
TOR
Laura Benkarth // Ob sie wirklich die Nummer Zwei hinter Schult ist, ist nicht ganz klar. Ist sehr lange verletzt gewesen, hat aber gegen Ende der Saison bei Bayern sofort den Vorzug vor Manuela Zinsberger erhalten. Um das zu rechtfertigen, muss sie schon außergwöhnlich gute Trainingsleistungen gezeigt haben, denn die Österreicherin spielte eine starke Saison. Spielpraxis fehlt ein bisschen, aber eine solide Wahl.
Merle Frohms // Spielpraxis ist bei ihr weniger ein Problem, doch die Saison mit Freiburg lief insgesamt nicht wirklich gut. Bekam wegen Schults Masernerkrankung Einsätze bei der DFB-Auswahl und hat das ordentlich gemacht. Könnte eine für die Zukunft sein, wird bei der WM aber eher nicht spielen.
ABWEHR
Carolin Simon // Spielte zuletzt unter Voss-Tecklenburg keine große Rolle, zuvor fast gesetzt, hatte ebenfalls mit Verletzungen zu kämpfen. Erfahrene Verteidigerin, die in der Saison für Olympique Lyon 13 Mal aufgelaufen ist.
Leonie Maier // Sie hat mir gefehlt, irgendwie. 69 Länderspiele, zuletzt aber keine, kam auch beim FC Bayern in dieser Saison nicht so oft zum Zug. Wird die Münchnerinnen folgerichtig (vermutlich gen Arsenal) verlassen. Ihre Nominierung ist ne Überraschung, aber kein Fehler, hatte ich nur nicht mit gerechnet. Bin gespannt, ob sie sich in Frankreich wird zeigen können.
Marina Hegering // Wen diese Personalie überrascht, der hat in den letzten Monaten nicht richtig aufgepasst. Voss-Tecklenburg ist bekennender Fan der Essenerin, deren Leidensweg der letzten zehn Jahre locker den von Marco Reus oder Arjen Robben in den Schatten stellt. Die Art, wie sie sich zurückkämpfte hat #MVT überzeugt - mich in der Nationalmannschaft aber noch nicht.
Lena Goeßling // Die erfahrene Wolfsburgerin wurde von Steffi Jones nicht so geschätzt, zeigte sich dann streitbar. Bringt viel Charakter mit in das Team und gehört genau deshalb in den Kader. Auch wenn sie nicht immer spielen wird, ist Goeßling eine absolut solide Wahl für jede Position hinter der Mittellinie.
Johanna Elsig // Die Innenverteidigerin ist eine der wichtigsten Spielerinnen für Potsdam und
mausert sich auch im schwarz-weißen Dress immer mehr. Wirkt nicht immer hundertprozentig sicher und hat noch Schwächen in der Spieleröffnung, trotzdem führte eigentlich kein Weg an ihr vorbei.
Sara Doorsoun // Für die Wolfsburgerin wird die Rückkehr von Nilla Fischer nach Schweden sportliche Vorteile bringen. Hat mich bisher eigentlich immer überzeugt und gehört ohne Zweifel in die Nationalmannschaft. Könnte mit Elsig die Innenverteidigung bilden, wird sich aber mit Hegering streiten müssen.
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Donnerstag, 9. Mai 2019
Vorfreude und Enttäuschung // Gedanken zum deutschen Frauenfußball vor der WM
Keinen Monat dauert es mehr, dann steht das größte Fußballevent dieses Sommers an.
Nicht das Champions-League-Finale zwischen Tottenham und Liverpool (obwohl das bestimmt auch klasse wird).
Nein, es ist WM! Im Fußball. Der Frauen.
Habt ihr nicht mitbekommen? Dann müsst Ihr ja völlig hinterm Berg leben.
Man kann doch keine Stunde fernsehen, ohne auf die Übertragungen der Öffentlich-Rechtlichen hingewiesen zu werden; kann keinen Kilometer in der Stadt gehen, ohne die Konterfeis der deutschen Spielerinnen zu sehen; und die Twitter-Timeline funktioniert gar nicht, ohne dass man auf den FIFA Women's World Cup 2019 in Frankreich heiß gemacht wird.
Ach so, ihr lebt gar nicht in England oder den Niederlanden?
Tja, in der deutschen Fußballrepublik läuft es leider nicht ganz so. Hierzulande sieht man (Stand: 09.05.2019) keine Hype-Videos der DFB-Frauen, keine Werbung für den tollen Sport und spürt kaum Vorfreude, die einem entgegenkommt. Als Fan muss man sie selbst ausstrahlen.
Aber warum ist das so?
Sicher keine leicht zu beantwortende Frage. An der generellen Ablehnung gegenüber Fußball spielenden Frauen und Mädchen? Auch. Aber nicht mehr ganz so, wie früher. Je nachdem, in welchem Teil meines Umfeldes ich das Thema Frauenfußball anschneide, kommen mir über seltsame Blicke ("Echt, das guckst du?"), prinzipielle Ablehnung oder entsprechende Scherze (, die ich irgendwie nicht mehr witzig finde) bis zu auf Höflichkeit gründendem Interesse entgegen - unabhängig vom Geschlecht. Doch einige Sportbegeisterte schauen sich große Turniere bzw. große Spiele in solchen dann schon an, vergessen danach aber schnell wieder.
Ist das die fehlende Identifikation? Gibt es in Potsdam mehr Frauenfußballfans als in Leipzig? Vermutlich. Ich selbst benötige aber keinen Lieblingsverein in der Frauen-Bundesliga, vor allem deshalb, weil ich eher einzelne Spielerinnen klasse finde, als die Vereine. Ich schau' gern die Spiele des VfL Wolfsburg, weil mich z.B. Ewa Pajor diese Saison fasziniert; verfolge die Bayern, weil starke Rückkehr von Melanie Leupolz nach recht langer Verletzung beeindruckt; will wissen, wie Arsenal oder Barcelona gespielt haben, weil ich mich bei der EM 2017 in so ziemlich jede Niederländerin "verliebt" habe. Doch das wird und kann nicht jedem so gehen, der nicht so tief in der Materie steckt.
Ist es die fehlende Attraktivität? Das ist gewiss Ansichtssache. Ohne es chauvinistisch zu meinen: Frauen sind nicht so stark, nicht so groß und nicht so schnell, wie Männer. Die anatomischen Unterschiede wirken sich natürlich auf das Geschehen auf dem Platz aus, das Spiel ist langsamer. Zu sagen, dass einem deshalb Männerfußball eher zusagt, ist nachvollziehbar und eben eine persönliche Ansicht. Ich kann beidem etwas abgewinnen. Und ich erwische mich bei manchem Bundesliga-Spiel bei dem Gedanken, dass mich diese Schauspielerei, die kleinen Fiesheiten, die Provokationen in so mancher Begegnung derart anöden, dass ich mir wünsche, DFB-TV würde SC Sand gegen FFC Frankfurt übertragen.
Jede Frau zeigt in ihrem Sport genauso viel Einsatz und Wille, Kampf und Leidenschaft, wie die Herren. Auch wenn die Spiele anders sind, stellt allein dieser Fakt den Frauenfußball für mich auf die gleiche Stufe, wie den der Männer.
Fehlende Zugänglichkeit? Damit würden wir uns dem (meiner Meinung nach) Kern schon annähern - der Präsentation. Man kann die Spiele einfach kaum sehen. Zwar hat immerhin Sport1 bereits in der Saison 2017/2018 damit begonnen, gelegentlich ein Spiel zu zeigen und dies 2018/2019 etwas verstärkt. Da dieses Spiel jeweils dann auch auf dfb.tv gestreamt wird, kann man hier aber leider nur von einem bedingten Mehrwert sprechen, obgleich der Free-TV-Sender sicher ein breiteres Publikum erreicht, als das Videoportal des DFB. Ein zusätzliches Spiel pro Spieltag springt dabei also nicht heraus. Mit (in der Regel) dem Spiel der FC Bayern-Frauen, das Magenta TV zeigt, kommt dann höchstens ein weiteres Spiel dazu. Pro Woche also maximal zwei, zumeist Wolfsburg oder München. Reicht das?
Mir nicht. Klar: Am Wochenende läuft genügend Fußball. Wann soll man denn die Frauen auch schauen? Aber ist es ein so gewaltiger Aufwand, einfach die Möglichkeit dazu bereitzustellen?
Offenbar ja. Und ich verstehe das. Der DFB als einer der kleinsten und dazu ärmsten Sportverbände der Welt kann unmöglich die Infrastruktur verfügbar machen, um alle Spiele zu streamen.
Gut, bleiben wir ernst. Wenn ich daran Interesse habe, kann ich jedes (also wirklich: jedes) Spiel der amerikanischen NWSL ansehen. Es kann doch nicht sein, dass das für die Frauen-Bundesliga nicht möglich ist. So gern brüstet sich der DFB damit, was er alles für seine Amateure tut und wie wichtig die für ihn sind und so weiter. Davon bemerke ich hier nichts.
Immerhin sorgt man auf Verbandsseite aber auch dafür, dass all das zu keinem größeren Problem wird. Denn der Frauenfußball wird schön klein gehalten. Eine Präsentation findet quasi nicht statt, ein Interesse wird nicht geweckt. Der DFB veröffentlicht lieber Videos davon, wie sich gestandene Nationalspielerinnen von eSportlern ein gutes Verständnis für ihren Sport attestieren lassen dürfen (hier) oder vom gemeinsamen Kochen (hier) (ja, ernsthaft).
Aber jetzt kommt ja die WM, danach wird alles anders. Der DFB wird zusammen mit den Öffentlich-Rechtlichen sicher eine längere Video-Reihe zur Mannschaft und allen nominierten Spielerinnen machen, wenn die bekannt sind. Bestimmt! Die ARD wird in den nächsten Tagen damit beginnen, vor der Tagesschau kurze Teaser zur WM zu zeigen. Bestimmt!
Selbst die Haltung der Frauenfußball betreibenden Vereine hierzulande ist eindeutig. Nachdem in den vergangenen Wochen und Monaten bei Club-Spielen in Spanien und Italien Zuschauerrekorde purzelten, ließ man sich (auf die Frage, ob man für das Champions League-Viertelfinalspiel gegen die beste Mannschaft der Welt in ein größeres Stadion wolle) beim VfL Wolfsburg zu der generösen Ansage herab, man habe keine Interesse daran, dadurch die Zuschauerschaft künstlich aufzublähen.
Was für ein Schlag ins Gesicht. Man wolle das Produkt nicht zum Nulltarif anbieten. Aber Werbung für das "Produkt" will man auch keine machen. Scheut man das Risiko? Vielleicht. 40 Millionen für einen durchschnittlichen Spieler als Ablöse zu zahlen, der floppt, geht in Ordnung. Aber ein paar Tausend Euro für ne Werbekampagne, billige Stadionplätze für mehr Unterstützung der Frauenmannschaft und vielleicht darauf resultierendes steigendes Interesse? Keine Chance.
Ich weiß nicht, ob Atletico das Risiko umsonst einging, als man an Madrider Kreuzungen riesige Werbeplakate für das Liga-Spiel gegen Barcelona aufbringen lies. Ich weiß nur, dass über 60.000 Zuschauer im Stadion waren. Und dass einige davon wiederkommen werden.
Der DFB läuft hier nicht Gefahr, zurückzufallen. Er ist es schon. Und wird es zu spät merken. Ebenso wie die Vereine der Frauen-Bundesliga.
Weshalb ich mich jetzt dennoch auf die WM freue?
Weil nicht nur der DFB in Frankreich vertreten sein wird. Natürlich werde ich mit der deutschen Mannschaft besonders mitfiebern. Aber auch mit der englischen. Und der spanischen. Und niederländischen (♥). Und der französischen. Und schwedischen. Und schottischen. (Ihr wisst, worauf ich hinaus will)
Weil ich mich auf den Sport an sich freue, auf volle Stadien mit Zuschauern, die ihr Team, ihre Frauenfußball-Auswahl sehen wollen. Auf die besondere Atmosphäre.
Weil ich sehen will, wie die englischen Lionesses auf der daheim erzeugten Euphoriewelle surfen, wie Vivianne Miedema in einem Spiel vier Tore schießt, Vicky Losada überraschend zur besten Spielerin gekürt wird und die Amerikanerinnen einfach nicht aufgeben.
Weil es mir letztlich egal ist, wo die Begeisterung herkommt, solange sie da ist. Es wird ein tolles Turnier mit vielen wunderbaren Szenen. All das wird mir wichtiger sein, als mich über die stiefmütterliche Behandlung des Frauenfußballs in Deutschland zu ärgern.
/br.
Nicht das Champions-League-Finale zwischen Tottenham und Liverpool (obwohl das bestimmt auch klasse wird).
Nein, es ist WM! Im Fußball. Der Frauen.
Habt ihr nicht mitbekommen? Dann müsst Ihr ja völlig hinterm Berg leben.
Man kann doch keine Stunde fernsehen, ohne auf die Übertragungen der Öffentlich-Rechtlichen hingewiesen zu werden; kann keinen Kilometer in der Stadt gehen, ohne die Konterfeis der deutschen Spielerinnen zu sehen; und die Twitter-Timeline funktioniert gar nicht, ohne dass man auf den FIFA Women's World Cup 2019 in Frankreich heiß gemacht wird.
Ach so, ihr lebt gar nicht in England oder den Niederlanden?
Tja, in der deutschen Fußballrepublik läuft es leider nicht ganz so. Hierzulande sieht man (Stand: 09.05.2019) keine Hype-Videos der DFB-Frauen, keine Werbung für den tollen Sport und spürt kaum Vorfreude, die einem entgegenkommt. Als Fan muss man sie selbst ausstrahlen.
Aber warum ist das so?
Sicher keine leicht zu beantwortende Frage. An der generellen Ablehnung gegenüber Fußball spielenden Frauen und Mädchen? Auch. Aber nicht mehr ganz so, wie früher. Je nachdem, in welchem Teil meines Umfeldes ich das Thema Frauenfußball anschneide, kommen mir über seltsame Blicke ("Echt, das guckst du?"), prinzipielle Ablehnung oder entsprechende Scherze (, die ich irgendwie nicht mehr witzig finde) bis zu auf Höflichkeit gründendem Interesse entgegen - unabhängig vom Geschlecht. Doch einige Sportbegeisterte schauen sich große Turniere bzw. große Spiele in solchen dann schon an, vergessen danach aber schnell wieder.
Ist das die fehlende Identifikation? Gibt es in Potsdam mehr Frauenfußballfans als in Leipzig? Vermutlich. Ich selbst benötige aber keinen Lieblingsverein in der Frauen-Bundesliga, vor allem deshalb, weil ich eher einzelne Spielerinnen klasse finde, als die Vereine. Ich schau' gern die Spiele des VfL Wolfsburg, weil mich z.B. Ewa Pajor diese Saison fasziniert; verfolge die Bayern, weil starke Rückkehr von Melanie Leupolz nach recht langer Verletzung beeindruckt; will wissen, wie Arsenal oder Barcelona gespielt haben, weil ich mich bei der EM 2017 in so ziemlich jede Niederländerin "verliebt" habe. Doch das wird und kann nicht jedem so gehen, der nicht so tief in der Materie steckt.
Ist es die fehlende Attraktivität? Das ist gewiss Ansichtssache. Ohne es chauvinistisch zu meinen: Frauen sind nicht so stark, nicht so groß und nicht so schnell, wie Männer. Die anatomischen Unterschiede wirken sich natürlich auf das Geschehen auf dem Platz aus, das Spiel ist langsamer. Zu sagen, dass einem deshalb Männerfußball eher zusagt, ist nachvollziehbar und eben eine persönliche Ansicht. Ich kann beidem etwas abgewinnen. Und ich erwische mich bei manchem Bundesliga-Spiel bei dem Gedanken, dass mich diese Schauspielerei, die kleinen Fiesheiten, die Provokationen in so mancher Begegnung derart anöden, dass ich mir wünsche, DFB-TV würde SC Sand gegen FFC Frankfurt übertragen.
Jede Frau zeigt in ihrem Sport genauso viel Einsatz und Wille, Kampf und Leidenschaft, wie die Herren. Auch wenn die Spiele anders sind, stellt allein dieser Fakt den Frauenfußball für mich auf die gleiche Stufe, wie den der Männer.
Fehlende Zugänglichkeit? Damit würden wir uns dem (meiner Meinung nach) Kern schon annähern - der Präsentation. Man kann die Spiele einfach kaum sehen. Zwar hat immerhin Sport1 bereits in der Saison 2017/2018 damit begonnen, gelegentlich ein Spiel zu zeigen und dies 2018/2019 etwas verstärkt. Da dieses Spiel jeweils dann auch auf dfb.tv gestreamt wird, kann man hier aber leider nur von einem bedingten Mehrwert sprechen, obgleich der Free-TV-Sender sicher ein breiteres Publikum erreicht, als das Videoportal des DFB. Ein zusätzliches Spiel pro Spieltag springt dabei also nicht heraus. Mit (in der Regel) dem Spiel der FC Bayern-Frauen, das Magenta TV zeigt, kommt dann höchstens ein weiteres Spiel dazu. Pro Woche also maximal zwei, zumeist Wolfsburg oder München. Reicht das?
Mir nicht. Klar: Am Wochenende läuft genügend Fußball. Wann soll man denn die Frauen auch schauen? Aber ist es ein so gewaltiger Aufwand, einfach die Möglichkeit dazu bereitzustellen?
Offenbar ja. Und ich verstehe das. Der DFB als einer der kleinsten und dazu ärmsten Sportverbände der Welt kann unmöglich die Infrastruktur verfügbar machen, um alle Spiele zu streamen.
Gut, bleiben wir ernst. Wenn ich daran Interesse habe, kann ich jedes (also wirklich: jedes) Spiel der amerikanischen NWSL ansehen. Es kann doch nicht sein, dass das für die Frauen-Bundesliga nicht möglich ist. So gern brüstet sich der DFB damit, was er alles für seine Amateure tut und wie wichtig die für ihn sind und so weiter. Davon bemerke ich hier nichts.
Immerhin sorgt man auf Verbandsseite aber auch dafür, dass all das zu keinem größeren Problem wird. Denn der Frauenfußball wird schön klein gehalten. Eine Präsentation findet quasi nicht statt, ein Interesse wird nicht geweckt. Der DFB veröffentlicht lieber Videos davon, wie sich gestandene Nationalspielerinnen von eSportlern ein gutes Verständnis für ihren Sport attestieren lassen dürfen (hier) oder vom gemeinsamen Kochen (hier) (ja, ernsthaft).
Aber jetzt kommt ja die WM, danach wird alles anders. Der DFB wird zusammen mit den Öffentlich-Rechtlichen sicher eine längere Video-Reihe zur Mannschaft und allen nominierten Spielerinnen machen, wenn die bekannt sind. Bestimmt! Die ARD wird in den nächsten Tagen damit beginnen, vor der Tagesschau kurze Teaser zur WM zu zeigen. Bestimmt!
Selbst die Haltung der Frauenfußball betreibenden Vereine hierzulande ist eindeutig. Nachdem in den vergangenen Wochen und Monaten bei Club-Spielen in Spanien und Italien Zuschauerrekorde purzelten, ließ man sich (auf die Frage, ob man für das Champions League-Viertelfinalspiel gegen die beste Mannschaft der Welt in ein größeres Stadion wolle) beim VfL Wolfsburg zu der generösen Ansage herab, man habe keine Interesse daran, dadurch die Zuschauerschaft künstlich aufzublähen.
Was für ein Schlag ins Gesicht. Man wolle das Produkt nicht zum Nulltarif anbieten. Aber Werbung für das "Produkt" will man auch keine machen. Scheut man das Risiko? Vielleicht. 40 Millionen für einen durchschnittlichen Spieler als Ablöse zu zahlen, der floppt, geht in Ordnung. Aber ein paar Tausend Euro für ne Werbekampagne, billige Stadionplätze für mehr Unterstützung der Frauenmannschaft und vielleicht darauf resultierendes steigendes Interesse? Keine Chance.
Ich weiß nicht, ob Atletico das Risiko umsonst einging, als man an Madrider Kreuzungen riesige Werbeplakate für das Liga-Spiel gegen Barcelona aufbringen lies. Ich weiß nur, dass über 60.000 Zuschauer im Stadion waren. Und dass einige davon wiederkommen werden.
Der DFB läuft hier nicht Gefahr, zurückzufallen. Er ist es schon. Und wird es zu spät merken. Ebenso wie die Vereine der Frauen-Bundesliga.
Weshalb ich mich jetzt dennoch auf die WM freue?
Weil nicht nur der DFB in Frankreich vertreten sein wird. Natürlich werde ich mit der deutschen Mannschaft besonders mitfiebern. Aber auch mit der englischen. Und der spanischen. Und niederländischen (♥). Und der französischen. Und schwedischen. Und schottischen. (Ihr wisst, worauf ich hinaus will)
Weil ich mich auf den Sport an sich freue, auf volle Stadien mit Zuschauern, die ihr Team, ihre Frauenfußball-Auswahl sehen wollen. Auf die besondere Atmosphäre.
Weil ich sehen will, wie die englischen Lionesses auf der daheim erzeugten Euphoriewelle surfen, wie Vivianne Miedema in einem Spiel vier Tore schießt, Vicky Losada überraschend zur besten Spielerin gekürt wird und die Amerikanerinnen einfach nicht aufgeben.
Weil es mir letztlich egal ist, wo die Begeisterung herkommt, solange sie da ist. Es wird ein tolles Turnier mit vielen wunderbaren Szenen. All das wird mir wichtiger sein, als mich über die stiefmütterliche Behandlung des Frauenfußballs in Deutschland zu ärgern.
/br.
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