Sonntag, 3. März 2019

Eine furchtbare Geschichte über Fußball in Kanada - Die Geschichte, die niemand hören will, doch jeder hören sollte

Aktualisiert am 04.03.2019

Beim nachfolgenden Beitrag handelt es sich um eine Übersetzung des Blogbeitrags "A Horrific Canadian Soccer Story - The Story No OneWants to Listen To, But Everyone Needs to Hear" der irisch-kanadischen Fußballerin Ciara McCormack vom 25.02.2019, die mir erlaubt hat, den Text ins Deutsche übersetzt zu veröffentlichen.
Diese Übersetzung wird sich so genau wie möglich an den originalen Wortlaut halten, vorrangiges Ziel ist aber, den Grundton der geschilderten Ereignisse wiederzugeben, was bei wörtlichen Übertragungen nicht immer hundertprozentig funktioniert. Es bleibt daher eine freie Übersetzung.
Einige Begriffserklärungen finden sich ganz unten.

Über die Jahre habe ich diesen Blog millionenfach geschrieben.

Er war lang, er war kurz, er beinhaltete verschiedene Teile dieser Geschichte, doch aus verschiedenen Gründen, vor allem solchen, die mit Angst zu tun hatten, habe ich nie auf "Veröffentlichen" geklickt.

Doch zu allererst möchte ich jedem Opfer, jedem Journalisten, jedem Menschen überhaupt danken, der sich aus seiner Komfortzone wagte und die Courage hatte, offen über den Missbrauch und die Belästigungen zu sprechen, die überall in unserer Gesellschaft verbreitet sind.

All diese kleinen Dinge haben ein Fünkchen Hoffnung entfacht, dass die Dinge beginnen, sich zu ändern und so eine Grundlage zum Vorwärtskommen bilden.

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Und dafür sage ich: Danke, CBC.

Ich empfehle dringend allen Eltern, Athleten und solchen, denen das Wohl Anderer am Herzen liegt, diese Artikel aufmerksam zu lesen, um zu wirklich zu begreifen, wie ernst und verbreitet dieses Problem tatsächlich ist.

Nachdem in den letzten zwei Jahren drei Trainer verschiedener Sportarten, die im ganzen Land mit Athleten und Athletinnen kanadischer Nationalmannschaften arbeiteten, wegen sexueller Straftaten beschuldigt oder verurteilt wurden, ist es in meinen Augen längst überfällig, dass man echtes Interesse zeigt und all dem endlich Aufmerksamkeit widmet.

Im Folgenden werde ich versuchen, mich so kurz wie möglich zu halten.

Ich und/oder andere haben einige und/oder alle Teile dieser Geschichte schon viele Male berichtet. Den Vertretern der Vancouver Whitecaps, Canada Soccer und BC Soccer. Über die Jahre auch vielen Medienvertretern, sowohl lokalen als auch nationalen, von Zeitungen bis hin zum Fernsehen.

Es war niederschmetternd zu sehen, wie Verantwortliche, Journalisten und andere, die die Möglichkeit hatten, der Geschichte eine Stimme zu geben oder zu helfen, sich einfach nicht darum geschert haben, irgendetwas zu tun.

Wieder und wieder versank die Geschichte, bis jemand hinter den Kulissen die Courage hatte, den Alltag zu unterbrechen und die Geschichte wieder ans Licht zu zerren.

Dies ist das letzte Mal, dass ich hiervon erzähle, wenn auch zum ersten Mal öffentlich.

Ich will nicht, dass es weiter auf meinem Herzen oder meinem Gewissen lastet.

Wenn es auch weiterhin niemanden interessiert, wird dies nur das überwältigende Gefühl der letzten zehn Jahre bestätigen, dass die Leute glücklich damit sind, einfach wegzusehen oder nur darüber zu reden, statt etwas zu unternehmen.

Und wenn das der Fall ist, werde ich das einfach akzeptieren, weitermachen und die ganze beschissene Situation hinter mir lassen.

Aber ich teile dies in der Hoffnung, dass die Transparenz in Bewusstsein mündet und positive Veränderungen bringt.

Ich teile dies, weil ich daran glaube, dass Fußballer in Kanada etwas Besseres verdient haben.

Ich teile dies, weil die Strukturen im Jahre 2019 traurigerweise fast dieselben sind, wie 2008.

Ich teile dies, weil der Großteil der Verantwortlichen, die dies unter den Teppich gekehrt und die Sicherheit und das Wohlergehen von Spielerinnen schon 2008 gefährdet haben, ihre Machtpositionen auch 2019 noch bekleiden.

Ich teile dies, weil wegen dieser Punkte solche schrecklichen Dinge wieder geschehen könnten.

Ich teile dies, weil der Gedanke daran, dass wieder geschieht, was wir durchmachen mussten, verstörend ist.

Und ich frage: Wenn wir Spielerinnen nicht einmal eine sichere Umgebung zum Spielen garantieren können, wieso reden wir dann überhaupt von Entwicklungsstrategien oder Vorteilen der Nationalmannschaft?

Es sprach für sich, dass - während viele andere Verbände retweeteten und die Aufmerksamkeit auf die Artikel von CBC über die sexuelle Belästigung von Sportlerinnen und Sportlern lenkten - die Kanäle von Canada Soccer, BC Soccer und der Whitecaps stumm blieben.

Wenn es eines gibt, dass ich in meiner Fußballkarriere gelernt habe, dann dass die geistige und körperliche Gesundheit, Sicherheit und das Wohlergehen der Sportler wichtiger sind, als alles andere.

Ein Luxus, der vielen Mädchen und Frauen, die in Kanada Fußball spielen, während ihrer Karrieren nicht geboten wurde - und das muss sich ändern.

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Ich versuche, mich so kurz wie möglich zu fassen. Denn es ist eine Menge.

Wenn du zwischen 2005 und 2008 weiblich warst und für Kanada spiele wolltest, musstest du eigentlich für die Vancouver Whitecaps spielen. Was den Trainern und dem Verein eine Unmenge an Macht verlieh.

Während dieser Zeit gab es einige Dinge, die uns auf unsere Plätze verwiesen, uns zeigten, wer das Sagen hatte, uns die Konsequenzen aufzeigte, die es hatte, wenn man aufbegehrt.

Das erste Mal war 2005. Nachdem sie quer durch die Stadt fuhren um unbezahlte Spiele für die Whitecaps zu absolvieren, hatten die Spielerinnen in der Mannschaft genug und begannen, sich hinter den Kulissen zu vereinigen, zu diskutieren und sich gegen den Verein zu stellen.

Im Sommer 2005 trafen wir uns in einem „Boston Pizza“, um zu diskutieren, wie wir mit den unbezahlten Auftritten umgehen wollten, zu denen wir ohne jede finanzielle Unterstützung gezwungen wurden, obwohl der Verein Tausende zu unseren Spielen zog. Hierfür erschien der Präsident der Whitecaps zu einem seiner extrem seltenen Besuche bei einer unserer Trainingseinheiten.

Sein Erscheinen hatte uns alle noch weiter verunsichert, als er uns einen Hungerlohn als Bezahlung anbot.

Hier ist ein Blogeintrag, den ich vor einigen Jahren geschrieben habe, bei dem ich hierzu ins Detail ging: Click Here


Diese Begegnung schürte die fühlbare Angst in der Gruppe, dass wir beobachtet wurden. Da die Whitecaps so eng mit der kanadischen Nationalmannschaft verwoben ist, konnte ein Aus-der-Reihe-Tanzen bei den Whitecaps Auswirkungen auf deinen Status bei der Nationalmannschaft haben. Ein Machtgefüge, dass sich mit der Zeit noch beängstigender und unangemessener anfühlte.

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2006 wurden die Macht einiger weniger Trainer und die Folgen dieses alleinigen Pfades zur Nationalmannschaft deutlich.

Zu dieser Zeit steckten die Whitecaps-Eigentümer viel Geld in die Mannschaft, um deren Angriff auf die Frauen-WM 2007 zu unterstützen. Über Nacht erhielten die Nationalspielerinnen um zu spielen Geld, von dem sie ein zumindest leben konnten, und wurden aufgefordert, nach Vancouver in ein Wohnheim zu ziehen.

Drei Stammspielerinnen, die nicht Vancouver wohnten, traten dem Trainerteam gegenüber und sagten, dass sie sich damit nicht wohlfühlten, weil es für sie eine unnötige Forderung und ein unrealistischer Zeitaufwand war, über den Kontinent hinweg umzuziehen.

 und wurden umgehend aus der Mannschaft geworfen.

Keine von Ihnen hat Kanada je wieder vertreten, auch wenn eine von ihnen sogar die damals höchstdekorierte Spielerin in Kanada war.

Die Diskussionen hierüber wurden so lange geführt, dass sie den Leuten irgendwann zum Halse heraushingen. Unabhängig davon, auf welcher Seite man stand, war dies der ausschlaggebende Moment, der deutlich festmachte, wer die Zügel in Händen hielt und was denjenigen passieren würde, die die Autorität herausfordern würden.

Nicht einmal der Stammspieler-Status oder die Länge der Zugehörigkeit zum Team haben irgendjemandem irgendwelchen Schutz gewährt.

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Eine ehemalige Spielerin der Whitecaps, die wie ich im Dunstkreis der kanadischen Mannschaft war, schrieb ihre Master-Arbeit nach intensiven Studien über dieses Umfeld um 2006 bis 2007.

Ein Zitat aus ihrer Einleitung fasst gut zusammen, wie es für Spielerinnen damals war: Ashley McGhee


"Liest man sich tiefer in diese Daten hinein, eröffnen sich noch komplexere Themen und Probleme, wie etwa die Opfer, die die Spielerinnen gezwungen werden zu machen was ihr persönliches Leben und das Gefühl des Kontrollverlusts über die eigene Spielerkarriere betrifft."

Es war ein Umfeld puren Stresses, in dem Trainer sämtliche Kontrolle hatten und wir keinerlei Macht oder Stimme.

Mit derlei Dynamiken konnten beschissene Dinge passieren und das begann bereits.

Und sie sollten schon bald aus dem Ruder laufen.

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In 2007 wurde ich eingeladen, regelmäßig mit der kanadischen Nationalmannschaft zu trainieren und das von einem Trainer, der zu jener Zeit Cheftrainer des kanadischen U20-Teams, der Whitecaps Frauenmannschaft und außerdem Assistenztrainer der kanadischen Frauennationalmannschaft war.

Nennen wir ihn Coach Billy.

Ich kannte Coach Billy seit der High School, denn er trainierte auch mit dem BC Team-Programm, an dem auch ich teilnahm.

Es war im BC Team, als ich meine ersten Erfahrungen mit unangemessenem Trainerverhalten machte. Mein BC-Trainer (nicht Coach Billy), selbst in seinen späten Zwanzigern, soll ein Verhältnis einer 15-jährigen Mannschaftskameradin gehabt haben. Nachdem ich das zunächst als böse Gerüchte abtat, kam die Wahrheit hinter diesem Gerücht heraus, als die beiden heirateten und sich wieder scheiden ließen, noch bevor meine Mannschaftskollegin 20 wurde.

Coach Billy trainierte einige von meinen Freundinnen in einer Regional-Auswahl, die ein paar Jahre älter als ich damals waren. Sie sprachen mit mir darüber, dass sie sich aus verschiedenen Gründen unwohl fühlten, unter anderem wegen Fragen nach persönlichen Treffen außerhalb des Trainings.

Aber das waren die 90er und alles schien seinen Gang zu gehen.

Coach Billy war charismatisch und charmant, und ein sehr, sehr guter Trainer. Als ich Anfang 20 war schaffte er ein Trainingsumfeld, in dem ich oft war und das ich liebte.

Coach Billy stieg schnell auf und 2007 wurde er zum Cheftrainer des kanadischen U20-Teams, den Whitecaps und Assistenztrainer der Frauennationalmannschaft.

Mit der Zeit und dieser enormen Machtfülle begann er, Leute zu bedrängen und zu manipulieren und erschuf ein beschissenes, angsterfüllte Umfeld. Diejenigen von uns, die im erweiterten Kreis der Nationalmannschaft waren, waren auch bei den Whitecaps. Also wurden wir hin und her geschoben, je nach Coach Billys Gutdünken.

Er hat uns oft daran erinnert, dass er der Grund dafür war, dass wir mit der Nationalmannschaft trainieren durften. Mit der offensichtlichen Randnotiz, dass er uns die Möglichkeiten, die er uns gab, auch wieder nehmen konnte.

Im Frühling 2007 geschah noch mehr, was den Stress und die Besorgnis speziell jener von uns erhöhte, die auf dem Sprung in die Nationalmannschaft waren.

Ich wurde Zeuge davon, wie er eine Freundin zum Weinen brachte, als er sie dafür beschimpfte, dass sie nicht in einem Zimmer von der Größe eines Schrankes über den Sommer wohnen wollte und dafür, dass sie die Frage danach gewagt hatte, ob sie zum Training der Nationalmannschaft gehen dürfte statt die neue Star-Spielerin der Whitecaps in der Nachbarschaft herumzuzeigen, wie er es forderte.

Nachdem ich dieses Telefonat mitbekam während dem sie mich zum Training fuhr, schrieb ihr Coach Billy später am Abend eine E-Mail, in der er andeutete, dass es Konsequenzen für das Spiel haben würde, wenn sie weiterhin gegen ihn aufbegehrt
.

Hinzu kam dann, dass sich die Zeit erhöhte, die wir die damit verbrachten quer durch das Lower Mainland zu fahren und die Whitecaps zu promoten, ohne dafür entschädigt zu werden. High School-Spielerinnen im Team, die der U20-Mannschaft angehörten, wurden von Coach Billy bedrängt, weil sie zur Schule gingen statt am Morgentraining teilzunehmen. Dabei gab es keinerlei akademische Unterstützung für High School-Spielerinnen, die Gefahr liefen, das Schuljahr nicht zu bestehen, denn es wurde erwartet, dass sie jederzeit trainieren.

Das Umfeld basierte mehr und mehr auf Furcht, Angst und war so beschissen, dass ich es nicht mehr ausgehalten habe.

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Nachdem ich sah, wie meine Mannschaftskameradin und Mitfahrerin umherbrüllte, während Coach Billy sie schikanierte und ich nicht wusste, wohin ich mich für Hilfe wenden sollte, überredete ich sie, dass wir versuchen sollten, den Whitecaps-Präsident zu erreichen, mit dem wir kurz zuvor in einem Trainingslager Zeit verbrachten.

Ich schlug vor, dass wir ihm zumindest erzählen sollten, was vor sich ging und hoffentlich etwas Hilfe, Rat und Schutz bekamen.

Am Dienstag, dem 8. Mai 2007, nach einigen Mails an diesem Tag
, hat sich der Präsident damit einverstanden erklärt, uns am Abend in einem Coffee Shop in Edgemont Village in North Vancouver zu treffen.

Verschreckt von den möglichen Konsequenzen, die es haben konnte, wenn wir den Mund aufmachten, haben wir einfach herausgeplustert, was im Umfeld vor sich ging, wie Coach Billy uns Angst machte. Wir haben ihn um Hilfe und Anonymität angefleht, um weiterzukommen, sagten ihm, dass wir nicht wüssten, wohin wir uns sonst wenden sollten.

Er sagte uns, er würde mit Coach Billy sprechen und sich die Sache ansehen.

Drei Tage später, während ich an einem Freitagnachmittag trainierte und wegging, um den Anruf des Präsidenten entgegenzunehmen, fiel ich aus allen Wolken. Er erzählte mir, dass er Coach Billy sagte, dass wir zu ihm kamen und ihm alles berichtete, was wir ihm sagten.

Ich war verängstigt und sprachlos, dass er uns in diese Situation gebracht hatte, in der wir bereits so verwundbar waren, obwohl wir ihn anflehten, es nicht zu tun.

Wegen dem, was da ablief, entschied ich, dass ich genug von alledem hatte und einigte mich mit den Ottawa Fury, dass ich im Sommer 2007 für sie spielen würde. Innerhalb einer Woche saß ich in einem Flugzeug zur anderen Seite des Landes.

Einige Tage bevor ich nach Ottawa flog, schrieb ich Coach Billy und dem Whitecaps-Präsident diese E-Mail in der zweiten Maiwoche 2007, in der ich all die bisherigen Erfahrungen detailliert hervorgehoben habe
 -

Dieses Zitat aus der benannten E-Mail an den Präsidenten und Coach Billy fasst ganz gut zusammen, was ich über das alles dachte:

Ich bin nicht mehr bereit, das alles zu ertragen oder zuzusehen, wie meine Mannschaftskameraden das ertragen müssen. Da ich mich in dieser Situation nicht mehr befinde, habe ich die Freiheit etwas zu sagen und das Schweigen zu brechen. So viele meiner Mannschaftsmitglieder, mich eingeschlossen, fühlten sich in der Art, wie sie behandelt wurden, gefangen, auch wenn wir wussten, dass es nicht recht ist und doch ermöglicht wird durch die Verflochtenheit der Whitecaps mit der Nationalmannschaft und der damit einhergehenden ungleichen Machtverhältnisse. Auch wenn mein Verlassen der Whitecaps keinen Einfluss auf meine Chancen haben dürfte, mit der Nationalmannschaft zu trainieren, ist mir bewusst, dass fast immer Politik viel stärker ist als Ethik. Aber ich bin bereit, dieses Risiko einzugehen. Die Situation, die Frauen und Mädchen in einem Umfeld wachsen zu lassen, in dem sie das Gefühl haben, eine Stimme zu haben und nicht das Gefühl, dass ihre Leidenschaft, die Möglichkeiten und der Aufwand, den sie in ihre Nationalmannschaftsträume stecken, unter dem Aussprechen von Dingen leiden müssen, von denen sie glauben, dass sie falsch sind, ist mir wichtiger, als jedes Länderspiel, zu dem ich jemals berufen werden würde.

Später am dem Tag, an dem ich diese E-Mail sandte, bog ich auf dem Heimweg in meine Straße ein und sah einen Krankenwagen vor unserem Haus stehen.

Ich hatte so viel Angst vor Coach Billy, dass ich augenblicklich hyperventilierte. Mein erster Gedanke war, dass er jemanden aus meiner Familie verletzt hat, weil ich mich gegen ihn gestellt habe. Wie sich herausstellte hatte mein Nachbar einen Herzinfarkt. Doch dieses erdrückende Gefühl des Terrors werde ich niemals vergessen.

Meine Freundin, die mit mir vom Präsidenten der Whitecaps an Coach Billy verraten wurde, blieb, um für die Whitecaps in jenem Sommer zu spielen.

Im Vorjahr eine Spielerin, die in der Regel 90 Minuten spielte, und ungeachtet der Tatsache, dass die Nationalspielerinnen alle zu der Zeit weg waren, spielte sie unter Coach Billy kaum in diesem Sommer. Obwohl ihr Spiel immer besser wurde und sie Eckpfeiler des kanadischen Teams war, stürzte sie kurz nach dieser Saison im kanadischen Fußballgeschehen völlig ab.

Und ich?

Meine Einschätzung war richtig und ich bekam nie wieder eine Chance in der kanadischen Mannschaft.

Es war ein Risiko, das für mich in Ordnung war, denn ich wusste, mit meinem irischen Pass könnte ich noch immer die Chance haben, international zu spielen. Etwas, von dem andere mutige Spielerinnen, die sich über die Jahre auflehnten und die unter ähnlichen Konsequenzen leiden mussten, nicht profitieren konnten.

Und ich hatte großartige Erfahrungen mit Irland, für die ich so dankbar bin.

Alles, von dem ich dachte, das es mir etwas bedeuten würde, wenn ich das Kanada-Trikot überstreife, war sowieso zerstört.

Weil ich nicht mehr gewillt war, meinen Mund zu halten und zuzuschauen, wie Menschen misshandelt werden, bin ich weiter gezogen - froh drüber, all das hinter mir zu lassen.

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Kurz bevor ich im Mai 2007 nach Ottawa aufbrach, bin ich in einer Lokalzeitung auf einen Artikel über einen Tanzlehrer gestoßen, der wegen eines sexuellen Verbrechens angeklagt worden war.

Als sie vom Verteidiger gefragt wurde, warum sie damit nicht früher herausgekommen ist, sagte das Opfer: "Ich hatte so hart und so lange daran gearbeitet, um in diese Tanzgruppe zu kommen, der einzigen auf diesem Level. Ich wusste, wenn ich etwas sagen würde, würde ich diese Gelegenheit, für die ich so lange und so hart gearbeitet hatte, verlieren und ich hatte Angst, also schwieg ich.“

Meine Nackenhaare stellten sich auf, denn das klang genau wie die Situation, in der wir in Vancouver waren - ohne die Anschuldigungen von unangemessenem, sexuell orientiertem Verhalten.

Bisher.

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Zum Jahreswechsel 2007/2008 unterschrieb ich bei einer Profimannschaft in Norwegen und versuchte, mich so gut wie möglich von der kanadischen Fußballszene zu entfernen.

Die U20 wohnte nun in einem Apartmentgebäude in Vancouver und trainierte ganztags für die U20-Weltmeisterschaft 2008 in Chile. Es waren Teenager, die fast alle wenigstens ein High School- oder Universitätssemester dafür frei nahmen, einige sogar ein volles Jahr.

Trotz eigener Familie in einem anderen Stadtteil hatte auch Coach Billy ein Apartment in demselben Gebäude wie die Spielerinnen.

Ich hatte einige gute Freunde in dieser U20-Mannschaft unter Coach Billy zu jener Zeit, die in diesem Gebäude lebten und täglich mit der kanadischen Mannschaft trainierten.

Ich sprach regelmäßig mit ihnen und sie sagten oft wörtlich, "wie beschissen alles, was hier ablief, war."

Ich hörte zu als sie mir erzählten, wie Coach Billys Mobbing weiter zunahm. Davon, wie unangenehm es für sie war, dass auch er ein Apartment genau dort hatte, wo sie lebten. Wie er unangemessene, sexuell aufgeladene Kommentare über die Spielerinnen machte. Davon, wie eine von Ihnen ihn um 6 Uhr abends im Parkhaus mit einer ihrer 17-jährigen U20-Mannschaftskameradin gesehen hatte.

Im Laufe des Jahres 2008 nahm ich weiterhin Anrufe von diesen Jugendlichen entgegen, da es immer schlimmer wurde. Manchmal mussten sie sich bloß Luft machen, manchmal fragten sie mich um Rat.

Ich hörte oft, wie Spielerinnen während der CONCACAF-Qualifikation in Mexiko 2008 Meetings im Bikini auf seinem Bett sitzend abhalten mussten. Über Textnachrichten voller sexueller Anspielungen, die er an deren Kameradinnen schickte.

Sie erzählten mir wie einige Spielerinnen schockiert waren, andere dies aber als Art Versicherung ansahen, sollte er jemals versuchen, sie aus dem Kader zu werfen.

Meine Freunde aus der U20-Mannschaft drückten in diesen Anrufen häufig ihren Unglauben darüber aus, dass dies ein Umfeld für irgendeine Mannschaft sein könne, geschweige denn für die kanadische Nationalmannschaft.

Ich hörte zu und erteilte Rat, so gut ich konnte, entsetzt darüber, was sie mir berichteten doch dankbar dafür, dass ich nicht mehr dort war.

Zwei U20-Nationalspielerinnen, die ich kannte, verließen das Team 2008, weil sie es in diesem Umfeld nicht mehr aushielten.

Im Frühling 2008 rief eine meiner Freundinnen aus der U20 an, um zu erzählen, dass eine dritte Spielerin das Team verlassen hatte, nachdem sie unangemessene Textnachrichten von Coach Billy bekam, und sie diese SMS der CSA vorgelegt hatte. Meiner Freundin wurde daraufhin gesagt, dass Coach Billy ein "Sensibilitäts-Training" machen müsse.

Was das bedeuten sollte, wusste sie nicht.

Ich möchte klarstellen, dass ich diese Informationen bezüglich der Zustände in der U20-Mannschaft von Freunden hörte, die in ebendieser Mannschaft waren. Ich kann sie selbst nicht aus erster Hand bezeugen. Doch all das waren Informationen, die jeweils auch der CSA und/oder einem offiziell von der CSA/den Whitecaps bestellten Mediator vorgelegt wurden.

Allein die Informationen, bei denen es um minderjährige Spielerinnen ging und die den Verantwortlichen bekannt waren, hätten zu sofortigen weiterführenden Untersuchungen durch die Polizei führen müssen - was auf einige Stellen in dieser ganzen Geschichte zutrifft.

Ich habe in den letzten Jahren direkt mit einer vierten Spielerin gesprochen, die Teil der kanadischen U20 war und ebenfalls in Coach Billys Visier war. Im Laufe der Jahre hatte sie zu verschiedenen Zeiten ihre furchtbare Geschichte selbst sowohl der CSA also auch BC Soccer berichtet und dabei konkrete Beweise vorgelegt.

Während dieser Irrsinn weiterging wurde mir Wochen später erzählt, dass eines Morgens ältere Spielerinnen der Whitecaps U20-Spielerinnen befragten, mit denen sie im Sommer 2008 zusammen bei den Whitecaps spielten.

Die Mannschaft musste ein Straftraining machen, weil einige aus der U20 die Nacht zuvor ausgegangen waren.

"Wie konnte Coach Billy überhaupt wissen, dass ihr ausgebüchst seid?", haben die älteren Spielerinnen gefragt.

"Oh, ich habe gegen 2 Uhr nachts vom Nachtclub aus mit ihm geschrieben", berichtete eine von ihnen.

Die ältere Spielerin antwortete: "Euch ist aber schon bewusst, wie falsch es ist, mitten in der Nacht mit ihm zu schreiben, oder?"

Ende 2008 spitzten sich die Dinge schließlich zu.

Coach Billys Name wurde in den Topf möglicher Nachfolger des zum Jahresende scheidenden Cheftrainers der Nationalmannschaft geworfen.

Ältere Spielerinnen, die ihre Karriere beendeten und ebenfalls offener sprechen konnten, drückten deutlich ihr Unbehagen bezüglich dieser Möglichkeit aus.

Coach Billys Verhalten mit den U20ern war den meisten etablierten Spielerinnen, die mit Vancouver Verbindungen hatten, mittlerweile bestens bekannt.

Diese Informationen gelangten dann letztlich irgendwie zu einem der Verantwortlichen, der es für angemessen erachtete, eine Untersuchung einzuleiten.

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Diese Untersuchung begann irgendwann im September 2008. Eine gute Freundin von mir und langjährige Spielerin der Nationalmannschaft kam auch mich zu und fragte mich nach allem, was ich wüsste und ob ich bereit wäre, dies mit einer Mediatorin zu teilen.

Ich stimmte zu, denn zu diesem Zeitpunkt fühlte es sich nach einer offiziellen und sicheren Sache an.

Im Nachhinein betrachtet wurden wir getäuscht.

Weil Teile davon mögliches unangemessenes sexuelles Fehlverhalten gegenüber Jugendspielerinnen betrafen, hätte man sofort die Polizei einschalten müssen, um die Wahrheit aufzudecken, und eine "vertrauenswürdige Drittpartei" hätte nicht auf der Gehaltsliste der Whitecaps/CSA stehen dürfen.

Es ist interessant festzustellen, dass einer der Vorteile, mit denen sie auf ihrer Website für Vermittlungsdienste um "den Umgang mit sensiblen Problemen am Arbeitsplatz" wirbt, der ist: "Verringerung schlechter Publicity wegen Rechtsstreitigkeiten"

Nicht gerade jemand mit den besten Interessen im Sinne der Spielerinnen.

Am frühen Morgen des 30. September2008, dem Tag nach meinem Geburtstag, sprach ich von einem Hotel in Schweden aus über Skype mit der Mediatorin, die die CSA/Whitecaps engagiert hatten. Ich hatte mich auf ein Spiel mit Irland gegen Schweden vorbereitet, dass später in jener Woche war.

Ich habe ihr alles mitgeteilt, was ich auch hier geschrieben habe. Danach habe ich mit vielen Freunden gesprochen, die ebenfalls mit ihr redeten und wir alle haben viele der Dinge übereinstimmend bestätigt, die bereits erwähnt wurden.

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Was hiervon in meiner Erinnerung hervorsticht, sind zwei Dinge:

1.      
Zu keiner Zeit wurden U20-Spielerinnen von irgendjemandem (Mediator/Polizei oder sonst wem) in eine sichere Umgebung gebracht, um detailliert zu erfragen, was genau wirklich vor sich ging.

2.      
Der schiere Terror, den meine Freunde aus der U20-Mannschaft zu ertragen hatten.

Damals wie auch rückblickend war es unfassbar, dass Coach Billy trotz laufender Ermittlungen noch einige Tage, nachdem diese begonnen hatten, mit den U20-Spielerinnen auf dem Feld war.

Also begann er Wochen vor der U20-Weltmeisterschaft in Chile, die verängstigten Kids im Training zur Seite zu nehmen und sie darüber auszufragen, was sie über die Untersuchungen gegen ihn wüssten.

Es war ein letzter Versuch, sie zum Schweigen zu bringen.

Die, mit denen ich sprach, hatten Angst davor, dass ihr Platz im U20-Weltmeisterschaftskader gefährdet sein könnte, wenn er herausgefunden hätte, dass sie ihn belastet hatten.

Nachdem Coach Billy sie zur Seite nahm, fragte meine Freundin mich, wem ich was erzählt hatte, und flehte mich an, nichts zu sagen, was ihre Anonymität gefährden würde. Ich kann ihre schreckliche Angst noch immer fühlen und der Gedanke daran ist verstörend.

Nachdem die Untersuchungen abgeschlossen waren und jede von der Mediatorin befragt worden war, sickerte bei den Spielerinnen letztlich durch, dass Coach Billy am Ende war.

Uns wurde versichert, dass Coach Billy, als Teil der Entlassungsvereinbarungen, niemals wieder Mädchen trainieren würde. Trotz der wachsenden Dynamik innerhalb der Spielerinnengruppe, verzichteten wir wegen dieser Versicherung darauf, die Sache weiter voranzutreiben.

Nach einer psychologisch extrem traumatisierenden Erfahrung, waren wir froh, etwas zu haben, an dem wir uns aus der Angelegenheit rausziehen und endlich weitermachen konnten. 

Am 9. Oktober 2008 wurde offiziell verkündet, dass die Whitecaps/CSA und Coach Billy "im gegenseitigen Interesse beider Parteien getrennte Wege gingen" und es wurde ein neuer Trainer vorgestellt, der das Team nach Chile führen sollte.

Am 20. November 2008 hatte die Mannschaft ihr erstes Spiel bei der U20-Weltmeisterschaft in Chile.

Nachdem man im Juni 2008 die USA besiegte und die CONCACAF-Meisterschaft gewann, schaffte es das Team nun lediglich, den Kongo zu besiegen, verlor jedoch gegen Deutschland und Japan und konnte die Gruppenphase nicht überstehen.

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Ende 2011 erhielt ich eine Nachricht bei Facebook von einer der Spielerinnen dieser U20-Mannschaft von 2008, die nach einem Blogbeitrag, den ich zu dieser Zeit schrieb, auf mich zu kam. Seit 2007, als ich das letzte Mal gemeinsam mit ihr trainierte, hatte ich nicht mehr mit ihr gesprochen. 

Wir schrieben ein paar Mal hin und her und sie erzählte mir, wie verstört sie nach allem, was sie als Spielerin 2008 erlebte, noch immer war.

Ein Zitat aus einer Nachricht, die sie mir 2011 schrieb:

Ich wusste, was nötig war, um zu bekommen, was ich wollte. Alles, was ich tun musste, war, ein bisschen mit ihm zu flirten, so, wie ich es auch von den anderen Mädchen mitbekam.

Das war das, was man tun musste... Schmollen und vorgeben, dass man die Art und Weise mag, wie dieser Typ coacht, wie er mit Frauen redet und sogar die unangemessene Art, wie er seinen Spielerinnen hinterher sah.

... ja, Coach Billy war weg, doch er war nicht die Wurzel des Problems. Ich war sauer auf den Verband, dass sie zuließen, dass er Macht über so viele junge, naive Frauen hatte, und ihn dann ohne jede Konsequenz gehen ließen. Sie haben uns nicht beschützt und nachdem die Wahrheit ans Licht kam, bestätigten sie mir, was wir alle sowieso schon wussten: Die Priorität der CSA waren Männer, Programme für Männer, männlicher Trainer, und in diesem Fall zum Beispiel einen Mann, der mit den Ängsten und Träumen junger Frauen spielte: Sie entschieden sich, IHN zu decken und zu beschützen - nicht uns.

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Ich wünschte, ich könnte sagen, dass die Geschichte hier zu Ende wäre, doch das ist sie nicht.

2011 habe ich noch einmal eine Saison für die Whitecaps gespielt. Der Trainer, den ich ziemlich gut kannte, überredete mich trotz meiner Bedenken, dass die Dinge nun anders seien. Am Ende meiner Karriere nach drei Jahren in der norwegischen Profiliga war ich froh, nach Hause zu kommen.

Um's kurz zu machen: wir hatten wieder Trainer, die sich den Spielerinnen gegenüber unangemessen verhielten, doch mit viel mehr älteren amerikanischen, ehemaligen Profispielerinnen, hatten wir den Vorteil,

1.      
dass die Spielerinnen viel erwachsener waren, die in Profiligen gespielt hatten, und einen Professionalitätsstandard an den Tag legten, an dem sich die Trainer orientieren sollten,

2.      
dass sie keine Kanadierinnen waren, nicht für Kanada spielen wollten, und das Druckmittel, mit dem jede zum Schweigen gebracht wurden, nicht zur Anwendung kommen konnte.

Der schwerwiegendste Vorwurf kam im Sommer auf, als eines unserer Mannschaftsmitglieder aus den USA zugab, dass sie früher in diesem Jahr gezwungen wurde, sich mit unserem Whitecaps-Cheftrainer ein Hotelzimmer zu teilen, als sie bei einem „Tryout“ für die Mannschaft war.

Er hatte ihr gesagt, sie müsse für ein Spiel quer über den Kontinent nach Kalifornien fliegen. Er schrieb ihr einen Brief, den sie bei der Arbeit vorlegen sollte, der besagte, dass es sich um ein professionelles Probetraining handelte. Einmal quer durchs Land geflogen und angekommen, wurde ihr gesagt, dass das Spiel abgesagt worden war und dass es die Whitecaps vermasselt hätten und den beiden nur ein gemeinsames Hotelzimmer organisierten. Sie versuchte, zu protestieren, sagte, dass sie sich damit nicht wohlfühlte, doch er behauptete, dies sei die einzige Option und da sie kein Geld hatte, ein eigenes Zimmer zu buchen, teilte sie sich das Zimmer mit ihm - und war seinen Avancen in dieser Nacht ausgesetzt.

Als sie davon berichtete, griff eine andere US-Spielerin dies auf.

Ich erinnere mich an das Spiel“, sagte sie. „Ich sollte auch hingehen. Es wurde Tage vorher abgesagt.“

Wir sahen sie alle schockiert an, als uns klar wurde, dass unser Trainer noch immer Mannschaftsmitglieder quer durchs Land fliegen lies, nur um sich unter dem Vorwand eines Probespiels an sie ranzumachen.

Von da an konnte mich nichts mehr überraschen.

---
Was mich an dieser Situation richtig traf, war, dass sich, selbst nach dem menschlichen Drama von 2008, wegen dem Coach Billy letztlich endgültig entfernt wurde, nichts geändert hatte. Es gab noch immer keine Anlaufstelle, an die wir uns wenden und berichten konnte, was unserer Kameradin passiert war.

Kein sicherer Ort, zu dem wir gehen und bei dem wir Hilfe bekommen würden, ohne dass es auf oder neben dem Platz auf uns zurückfallen würde.

Stattdessen saßen wir es aus und am Ende der Saison verfassten acht von uns Seniorspielerinnen gemeinsam einen Brief, den wir an das Management der Whitecaps sandten. Wir zählten alles auf, was über die Saison hinweg passierte.

Der Brief, den die Seniorspielerinnen an das Whitecaps-Management 2011 schriebenWhitecaps End of Season Letter 2011


Daraufhin wurde ein Vermittler beauftragt, mit den Spielerinnen über die genauen Umstände zu sprechen. Ein Mediator, den ich, wie der Whithecaps-COO unbeholfen scherzend zu mir sagte, wiedererkennen würde.

„Sie ist die selbe, mit der ihr 2008 gesprochen habt.

Unnötig zu erwähnen, dass ich all das gar nicht zum Lachen fand.

Nachdem die Vermittlerin mit ihren Befragungen fertig war, sollte die gesamte Mannschaft an einer Spielerumfrage zur Saison teilnehmen
. Was wir in unserem Brief schrieben, bestätigte sich und war so überwältigend negativ, dass einer der höchsten Angestellten im Whitecaps-Management unsere Kapitänin anrief und sich für das Umfeld entschuldigte, das wir ertragen mussten und das die Umfrage deutlich machte.

An die Spielerin, die gezwungen wurde, sich das Hotelzimmer zu teilen, schrieb der Director of Soccer Developement der Whitecaps am 12. August 2011 die folgende E-Mail, in Kopie auch an den COO, in der er ihre Grundsätze im internen Umgang mit solch erschütternden Dingen deutlich machte: E-Mail


Danach wurde uns mitgeteilt, dass der Trainer entlassen wurde.

Es wurde erneut unter den Teppich gekehrt. Und der Trainer arbeitete danach weiter im Frauenfußball.

---

Im Oktober 2011 erhielt ich eine E-Mail vom neuen Trainer der Whitecaps Frauen, der sich bei mir für meine Zeit bei der Mannschaft bedankte.

Ich antwortete am 28. Oktober 2011 mit einem Schreiben auf diese E-Mail
, die ich an die Adresse der Clubbesitzer sandte, sowie an die des COO und des Director of Soccer Developement.

Dieses Schreiben fasste die beschriebenen Ereignisse des letzten Jahrzehnts für diejenigen zusammen, die bei den Whitecaps die höchsten Ränge bekleideten.

Nachdem ich das Schreiben versandte, erhielt ich die Anfrage, mit dem Whitecaps-COO persönlich zu sprechen, die ich ablehnte
.

Ich teilte in dieser E-Mail mit, dass Taten deutlicher sprechen, als Worte, dass der Verband über Jahre hinweg viele gute Menschen zugrunde richtete und dass ich einfach hoffte, dass sie Änderungen herbeiführen würden, wenn sie tatsächlich das Beste für die Spielerinnen im Sinn hatten, wie sie behaupteten.

Ich sagte, dass ich dem Verband genug meiner Zeit opferte und weiterziehen wollte.

Nach der Saison 2012 wurde die Frauenmannschaft der Whitecaps aufgelöst.

Sie setzten diesen „einen Weg“ fort, den jede Jugendspielerin im BC gehen musste, wenn sie mit der kanadischen U17-Nationalmannschaft spielen wollte, mit vielen Spielerinnen, die von außerhalb eingeflogen wurden, um am REX-Programm der Whitecaps teilzunehmen.

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Lange Zeit entfernte ich mich von alle dem.

Auch, wenn ich nie selbst von einem Trainer sexuell missbraucht wurde, wurde meine Spielerkarriere auf dem Platz stark davon beeinflusst, dass ich gegen diese beschissenen Dinge aufbegehrte.

Abseits des Platzes waren die Angst und die Qual, die ich erlebte und unter denen ich andere Leute leiden sah, schwer zu verarbeiten und zu verkraften, sowohl damals als auch seit dem Ende meiner Karriere.

Jahrelang versuchte ich, diese negativen Erfahrungen in mein Spiel einfließen zu lassen und sie als Motivation dafür zu nutzen, zu einem besseren Umfeld und System für Spielerinnen beizutragen. Ich schuf so viele Wege und Gelegenheiten für sie, wie möglich, damit sie den nächsten Schritt zu machen, damit nie wieder eine Person, ein Verein oder ein System eine solche Macht über sie haben würde, wie sie sie über uns hatten.

Es war eine Art Therapie, um das zu verarbeiten, was ich als Spielerin in Kanada ertragen musste.

Doch auch jetzt betrifft diese Situation alle und macht uns zu Opfern, wenn man bedenkt, dass Coach Billy noch immer noch immer junge Mädchen trainiert.

Und das nicht verkrochen in einer kleinen Stadt mitten im Nirgendwo.

Nein, Coach Billy trainiert wieder junge Spielerinnen beim von der Canadian Soccer Association betriebenen BCSPL-Pathway-Programm im Lower Mainland von Vancouver, in welchem weibliche Elite-Spielerinnen verpflichtet werden zu spielen, wenn sie die Chance auf die kanadische U17-Frauennationalmannschaft haben wollen.

Lasst das erstmal sacken.

Es wird noch verstörender und ironischer.

Die CSA ist gerade dabei, Jugendfußballvereine im ganzen Land zu verpflichten, ein CSA-Lizensierungsprogramm zu durchlaufen, um sich zertifizieren zu lassen. Teil davon ist die Verpflichtung der Vereine, tausende eigener Dollar dafür aufzuwenden, dass sämtliche Jugendtrainer im Verein wissen, wie mit unangemessenem Verhalten gegenüber Spielerinnen umzugehen ist, und zwar als Voraussetzung für die neuen CSA-Vereinslizenzen.

Und das abgesehen davon, dass die CSA selbst einen Trainer im Verband arbeiten lässt, den sie bekanntermaßen wegen eben solchen Verhaltens zehn Jahre zuvor entließen, auch damals in dem Pathway-Programm, durch das jede junge Frau musste, um eine Chance in einer kanadischen Jugendauswahlmannschaft zu erhalten.

Das ist nicht nur eine schallende Ohrfeige für jede einzelne weibliche Spielerin, die Coach Billy sowohl auf als auch neben dem Platz negativ beeinflusste und die den Mut hatte, sich zu wehren und den Mund aufzumachen vor über zehn Jahren, sondern so furchtbar ironisch, dass es Worte nicht ausdrücken können.

Es gibt viele Gründe dafür, dass ich gegen ein Ein-Weg-System zur Nationalmannschaft bin.

Einer davon ist der bewusste Mangel an Sorge um die Sicherheit und das Wohlergehen der Spielerinnen, der im kanadischen Fußball immer und immer wieder offenbar wurde.

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Ein ehemaliger Schreiber für die Lokalzeitung tweetete kürzlich diesbezüglich, dass ein ehemaliges Mannschaftsmitglied von mir an den BCSPL-Club im Lower Mainland herantrat, bei dem Coach Billy jetzt arbeitet:

24. Januar 20019: @marcdweber: Eine weiter Ex-Spielerin hat mir nun erzählt, dass sie bei dem Verein, der diesen Trainer angestellt hat, anfragte, und ihr wurde gesagt, dass er sämtliche Überprüfungen auf einen kriminellen Hintergrund bestand und die „Anschuldigungen eine andere Altersgruppe betrafen“. Sie fand diese Antwort, in ihren Worten, „erschreckend“.

Wenn der Standard für eine Anstellung als Trainer bei einem Top-Jugendverein die ist, dass die „Anschuldigungen eine andere Altersgruppe betrafen“, dann bedarf das gesamte System einer verdammten Razzia.

Außerdem wurden im Juni 2017 zwei männlichen Jugendspieler der Vancouver Whitecaps beschuldigt, einen Mitspieler in der Umkleide nach dem Training sexuell missbraucht zu haben.

Die Whitecaps wären damit durchgekommen, eine weitere ernsthafte Angelegenheit unter den Teppich zu kehren, wenn die Mutter des Opfers nicht darauf bestanden hätte, die Polizei zu rufen.

Als die Polizei gerufen wurde, wurden die beiden Spieler innerhalb von Tagen eines Verbrechens angeklagt.

Die Mutter des mutmaßlichen Opfers gab danach ein Fernsehinterview, in dem sie ihren Eindruck äußerte, dass die Whitecaps versuchten, das Geschehene zu vertuschen und wie unangebracht es im Fall von Jugendlichen war, die Sache intern zu klären, statt die Polizei zu rufen.

Also ziemlich genau so, wie wir 2008 damit umzugehen hatten.

Es zeigt sich ein klares Verhaltensmuster der Whitecaps von 2008 bis 2017, das die Sicherheit und das Wohlbefinden junger Athleten gefährdet. Eine schwerwiegende Anschuldigung, wenn der Weg zur Nationalmannschaft sowohl für männliche als auch weibliche Jugendspieler noch immer durch die Whitecaps geht.

Hier die Aussagen der Mutter des Jugendspielers über den Umgang der Whitecaps mit der Situation um ihren Sohn: Click Here


Interessant ist noch zu erwähnen, dass die Medien in Vancouver die Story an einem Freitagnachmittag 16.00 Uhr platzierten.

Man könnte sagen aufgrund der unvorteilhaft herzlichen Beziehung, die die Medien in Vancouver zu den Whitecaps haben. Vielleicht aber auch einfach wegen dem völligen Desinteresse an der Situation im Allgemeinen. So oder so der laut Experten perfekte Zeitpunkt, um eine Story zu bringen, von der du nicht willst, dass sie irgendjemand mitbekommt
.

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Mehr denn je benötigen wir Standards und gesetzliche Protokolle, die solch enorme Machtungleichheit beseitigt, die Vereine und nationale Sportverbände haben, und die sicherstellen, dass Spieler und Spielerinnen beschützt werden. Denn ich kann mit Sicherheit sagen, dass sie es zurzeit, zumindest im Fußball, nicht sind.

Es ist beruhigend zu hören, dass die kanadische Sportministerin Kirsty Duncan den Organisationen, die Athleten in Gefahr bringen, finanzielle Konsequenzen angekündigt hat, denn, wie sie sagt, „money talks.“

, die

1.      
nicht unverzüglich jeden Vorfall der Belästigung, des Missbrauchs oder der Diskriminierung melden.
2.      
nicht eine unabhängige Drittpartei einsetzen, bei der Missbrauchsfälle angesprochen werden können.

Ich bin davon überzeugt, dass außerdem gesetzliche Anforderungen geschaffen werden müssen, die Vereine und Verbände dazu verpflichtet, sämtliche Anschuldigungen unangemessenen Verhaltens gegen Spieler und Spielerinnen der Polizei zu melden.

Nur
 strafrechtliche Konsequenzen können sicherstellen, dass sich Spieler und Spielerinnen sicher weiterentwickeln und vorankommen können. Sonst werden Verbände und Vereine damit fortfahren, die eigenen Interessen über die der Spieler zu stellen.

Wenn MP Duncan ihre Reformen ernst mein, sollten mit all dem, was ich oben geschrieben habe, den Whitecaps, BC Soccer, und der Canadian Sports Association sämtliche Regierungsgelder gestrichen werden, die sie erhalten, bis eine vollständige unabhängige Untersuchung der beschriebenen Ereignisse erfolgt ist, die unter den Teppich gekehrt wurden.

Die völlige Nichtbeachtung, die alle drei Organisationen in Bezug auf Sicherheit und Wohlergehen von Spielern und Spielerinnen in den vergangenen zehn Jahren offenbarten, übersteigt wahrlich jedes Vorstellungsvermögen.

 (Minute 6) und fragte, einen der Verbandsfunktionäre, ob sie sich wirklich selbst auf Missbrauchsfälle untersuchen können, ohne in einen Interessenskonflikt zu geraten und ob sie dazu verpflichtet werden sollten.

Wenn die simplen Antworten, die hierauf geben wurden, wirklich das waren, was die „Experten“ der Runde glauben, dann ist es unglaublich beunruhigend, wie wenig die vermeintlichen führenden Kanadier von dem verstehen, was die Grundlage für unangemessenes Verhalten von Trainern im Sport ist.

Zitate, die einige der Antworten auf meine Frage enthielten:

„Athleten sollten mit jemandem reden, dem sie vertrauen und der dann die Polizei informiert.“

„Bei Basketball Canada stehen die Richtlinien auf unserer Website.“

„Es ist keine Zwangssituation... Es gibt viele Vereine, bei denen sich die Spieler anderen Mannschaften anschließen können.“

Hoffentlich beginnen die Experten mit dem, was ich oben beschrieben habe, zu begreifen, dass das, was sie tun, nicht genug ist.

Nur eine einzige Person in der Gesprächsrunde bestätigte die Lücken, die momentan bestehen und geschlossen werden müssen.

Weil wir mit jemandem gesprochen haben.

Weil es Richtlinien auf Webseiten gab, eine Menge sogar, doch das heißt nicht, dass sich irgendjemand daran hält oder irgendjemand dafür zur Rechenschaft gezogen wurde, dass er es nicht tat.

Und weil es, wenn man von einer Nationalmannschaft oder einem Ein-Weg-System zur Nationalmannschaft spricht, keine anderen Vereine und Mannschaften gibt, denen man sich anschließen kann.

Nicht Opfer und Beteiligte sollten verantwortlich sein. Nicht Menschen, die nichts anderes wollen, als weitermachen und zu genesen und von den Dächern zu schreien, um dann wieder dem System und den Menschen darin zum Opfer zu fallen, die, als sie die Gelegenheit hatten, kein Interesse daran zeigten, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen.

Wäre die Polizei 2008 gerufen worden, wie man es hätte tun sollen, und eine detaillierte, unabhängige Untersuchung hätte stattgefunden, in der den Athleten ein sicherer Weg gegeben worden wäre, ihre Erfahrungen mit Menschen zu teilen, die sich dem wirklich annehmen - wäre all das längst vorbei.

Die Spielerinnen hätten die Chance gehabt, zu genesen und weiterzumachen und die Täter hätten ihre verdiente Strafe erhalten, wenn das Gesetz diese für angebracht gehalten hätte.

Das hätte zukünftige Spielerinnen definitiv geschützt.

Doch stattdessen haben wir Frauen, die vor zehn Jahren in einem undurchschaubaren Umfeld damit konfrontiert wurden und die nichts anderes möchten, als das alles hinter sich zu lassen und denen jetzt von den Medien gesagt wird, dass sie namentlich bekannt werden müssen, wenn wollen, dass diese Geschichte Aufmerksamkeit erhält.

Die Aufmerksamkeit, die ihnen vorenthalten wurde, als all dies geschah.

Sie werden aufgefordert, ihre schmerzhaften Geschichten ohne den Mantel der Anonymität offenzulegen und die Leben, die sie sich in harter Arbeit aufgebaut haben, wenn sie es nicht auf ihrem Gewissen lasten wollen, dass Coach Billy noch immer junge Mädchen trainiert.

Wie zum Henker soll das gerecht sein?

Wenn wir Organisationen erlauben, die Entscheidungen über den Schutz der Athleten selbst aufzustellen, ohne sie anhand konkreter Anforderungen und strafrechtlicher Konsequenzen bei Scheitern verantwortlich zu machen, werden diese immer zu allererst sich selbst und ihre Organisation schützen.

Methodik und Erfolge der Spielerentwicklung bedeuten nichts, wenn den Spielern keine sichere Umgebung gegeben wird, in der sie sich entwickeln können.

Überall im Land legen Athleten ihr Herz und ihre Seele in ihren Sport, verwundbar durch Macht, die Trainer und Organisationen über sie haben.

Sie verdienen so viel mehr als ein billiges Lippenbekenntnis um ihr Wohlbefinden, wie sie es im Moment bekommen.

Die brauchen echte Handlungen und echte Regelungen.

Ich bete dafür, dass jemand mit etwas Einfluss dies hört und echte Räder ins Rollen kommen, um nachfolgenden Generationen etwas so viel Besseres zu geben.

Wegen dem, was wir miterlebten, und dem wo wir heute stehen, sind wir von einem „gut genug“ noch sehr weit entfernt.




Anmerkungen:
Ich habe beim Übersetzen darauf verzichtet, die von Ciara verlinkten Dokumente, wie bspw. E-Mails, ebenfalls zu übersetzen, da diese in der Regel wenigstens zusammenfassend behandelt werden. Zum tiefer gehenden Hineinlesen sollten diese in der von Ciara beigebrachten Form genutzt werden.
Außerdem habe ich es in diesem Beitrag unterlassen, meine persönlichen Gedanken zu alldem zu äußern, da ich es nicht für angebracht und nicht notwendig hielt, diesen so emotionalen und sicher sehr schwer zu verfassenden Text auf irgendeine Art zu verändern. Falls mir danach sein sollte, werde ich dies in einem gesonderten Beitrag nachholen.
Ebenfalls verzichtet habe ich auf die Nennung der Personen, die Ciara selbst nicht genannt hat, wie bspw. Coach Billy, da dies offenkundig nicht im Sinne der Autorin ist.

Begriffserläuterungen:
CBC = Canadian Broadcasting Corporation, kanadische Rundfunkanstalt
Whitecaps = Vancouver Whitecaps FC, kanadischer Fußballverein/Fußball-Franchise
CSA = Canada Soccer (Association), der kanadischer Fußballdachverband
BC Soccer = British Columbia Soccer (Association), Jugend- und Erwachsenenfußballverband in British Columbia
BCSPL = British Columbia Soccer Premier League, Fußballliga



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